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!MARCS young electronic magazine AUSGABE: Juli 2004 URL: http://marcs-online.de/scripts-l1/fokus.phtml?ausgabe=2004-07-01&id=1000 Rubrik: STUFF REPORTAGE: Rotes WienDas Rote Wien war ein einzigartiges sozialdemokratisches Experiment. In den Jahren 1919-34 entwickelte die Stadtregierung eine in Europa einmalige proletarische Kultur. Nicht sozialistische Utopien standen im Vordergrund, sondern eine Realpolitik, die sich an den Bedürfnissen der Arbeiterschaft orientierte. Das Rote Wien war ein einmaliges Experiment sozialdemokratischer Realpolitik. Während in anderen europäischen Städten die am Ende des ersten Weltkriegs gebildeten Arbeiter- und Soldatenräte eine radikale sozialistische Poltik verfolgten, die konservative Kräfte abschreckte, handelten sie in Wien nach dem Motto "Revolutionär reden, evolutionär handeln." Das Rote Wien begann am 4. Mai mit dem überragenden Wahlsieg der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei den Gemeinderatswahlen. Jakob Reumann wurde der erste sozialdemokratische Bürgermeister einer europäischen Großstadt. Am 1. Januar 1922 wurde Wien ein eigenständiges Bundesland und war für viele Österreicher der Rote Wasserkopf im christlich konservativen Österreich. Es war eine viel zu große Hauptstadt für den Rumpfstaat Österreich, der vom einst großen Habsburgerreich übrig blieb. Zu Ende ging das Rote Wien in den Februarkämpfen 1934. Am 15. Februar 1934 wurde der letzte sozialdemokratische Widerstand gegen den autoritären Ständestaat niedergschlagen. Dies war der erste bewaffnete Widerstand gegen eine faschistische Regierung. Bei diesen Kämpfen wurden auch Gemeindeblocks, in denen sich Arbeiter verschanzt hatten, mit Artillerie beschossen. Nach diesem kurzen Ausflug zurück zu den Anfängen. Nach der Übernahme der Regierungsverantwortung mussten die Sozialdemokraten Herr der Lage in Wien werden. Nach der Niederlage gab es viele Probleme, allen voran die Wohnungsnot. Um Wohnraum zu schaffen, kam Hugo Breitner auf die Idee, eine "Luxussteuer" einzuführen. Alles, was über das zum Leben notwendige hinausging, wurde besteuert. So wurde eine Wohnbausteuer eingeführt, mit deren Einnahmen die Gemeindewohnbauten finanziert wurden. Den Baugrund hatte die Stadt nach 1919 billig aufgekauft. Die Wohnbauten bedeuteten eine deutliche Verbesserung der Wohnverhältnisse. Waren in den alten Zinskasernen aus dem Kaiserreich 85% der Fläche überbaut und die Wohnungen klein und dunkel, so durften jetzt nur noch 25& überbaut werden. Der Rest war für großzügige Grünalagen vorgesehen. Damit wurden die Wohnungen jetzt hell. Sie waren jetzt auch größer. Weitere Pfeiler der sozialdemokratischen Reformpolitik, die auf eine Veränderung der sozialen Verhältnisse im bestehenden System hinzielte, die Einführung einer Kinder- und Jugendfürsorge, einer Gesundheitsvorsorge, einer Bildungspolitik (Bildung für die Arbeiterschaft) und einer Kulturpoltik. Für Kinder wurden ausreichend Kindergarten- und Hortplätze bereitgestellt. Die Gesundheitsvorsorge zielte darauf, das Körperbewusstsein der Arbeiterschaft zu stärken. Es gab Vorsorgeuntersuchungen, Kampagnen gegen den weit verbreiteten Alkoholismus oder Schutzimpfungen. Begleitend dazu wurden zahlreiche Sportstätten errichtet und Arbeitersportvereine gegründet. Die Schulbildung zielte auf eine demokratisierung des Schulbetriebs. Im Bereich der Erwachsenenbildung wurden viele "Volkshochschulen" eingerichtet. Die Kulturpolitik wollte den Arbeitern Zugang zur "bürgerlichen" Bildung und Kultur verschaffen. Dazu wurden Büchereien und Arbeiterkulturvereine gegründet. Vieles von dem Roten Wien ist heute noch gegenwärtig. Manches muss man eben nur genauer suchen. Die sichtbarste Hinterlassenschaft des Roten Wien sind sicher die Gemeindebauten und andere kommunale Gebäude wie z.B. öffentliche Bäder oder Pfandleihhäuser (Dorotheum). Einige Gebäude habe ich im Rahmen des Stadtrundgangs "Das Rote Wien" und auf eigene Faust bei meinen Besuchen in Wien angeschaut. Fange ich zunächst beim Stadtrundgang an. Dies war zwar nicht mein erster Kontakt mit dem Roten Wien, aber der Erste, der die Zusammenhänge und den historischen Zusammenhang anschaulich erklärte. Dieser Spaziergang führte zum Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt, dem größten Gemeindebau, der von 1927-30 erbaut wurde. Er hat eine Länge von 1,2km und bietet Platz für 5000 Menschen. Dieser Bau war bewusst als Schloss des Proletriats so riesig erbaut worden. Er hat im Zentrum einen Ehrenhof, ganz so wie sie Barockschlösser auch haben. Ein weiteres Bauwerk auf dieser Führung war das Amalienbad im Arbeiterbezirk Favoriten. Es wurde von 1923-26 errichtet. Das Bad steht am zentralen Platz, wo üblicherweise eine Kirche steht. Wegen der Bedeutung von Sport und Gesundheit in der Sozialdemokratie baute die SDAP hier ein riesiges öffentliches Bad für die Arbeiterschaft. Architektonisch ist es wegen seiner schönen Art-déco Verzierungen sehenswert. Weitere Gebäude, die ich noch besichigt habe, sind der Rabenhof, der Ditteshof oder der Thuryhof. Eines haben sie alle gemeinsam. Sie passen sich gut in die bestehende Bebauung ein. Im Gegensatz zu den gesichtslosen Wohnbauten nach dem zweiten Weltkrieg (schnell und billig) haben sie zahlreiche Architekturelemente. Die Fassaden sind gegliedert, es gibt Vorsprünge oder Arkadengänge.Wer jetzt auch Interesse an dem Roten Wien bekommen hat, dem empfehle ich als Einstieg folgendes Buch: Inge Podbrecky Rotes Wien - CITYwalks Falter Verlag 120 Seiten, 9,90 € ISBN 3-85439-295-8 In diesem Buch werden nach einer kurzen Einführung fünf Routen zu den Bauten des Roten Wien vorgestellt. Damit könnt ihr, wenn ihr mal in Wien seit, selbst die Zeugen des Roten Wien besuchen. Autor: mohan Erstellt am: 2004-06-22
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