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AUSGABE: Juli 2000
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Rubrik: JAM
INTERVIEW: DAS JÜDISCHE LEBEN IN DER ZEIT DES NATIONAL SOZIALISMUS
Interview mit einer Jüdin, die die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus überlebt hat.
Interview zum Thema: Das jüdische Leben in der
Zeit des Nationalsozialismus
Interview mit einer Jüdin, die die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus
überlebt hat.
Wie alt waren Sie, als Hitler an die Macht kam? Ich war 18 Jahre
alt.
In welchem Dorf/Stadt lebten Sie damals? Ich lebte mit meinen
Eltern in Speyer.
Lebte zu dieser Zeit der Großteil Ihrer Verwandten auch in
Deutschland? Alle Geschwister meines Vaters lebten in Speyer, der einzige
Bruder meiner Mutter lebte Holland.
Inwieweit war Ihr persönlicher Tagesablauf von den politischen Ereignissen
geprägt? Im letzten Schuljahr vor dem Abitur kam der Dozent der deutschen
Sprache in SA Uniform in die Klasse, die Aufsätze trugen Themen wie "Der
Hitlerjunge Quex", von dem ich nichts wußte. Die jungen Schülerinnen und Schüler
mit denen ich zwei Jahre lang im Zug von Speyer nach Mannheim gereist war,
machten plötzlich antisemitistische Bemerkungen und die einzige Möglichkeit doch
noch das Abitur zu machen war, während der Woche in Mannheim zu bleiben. Nach
dem Abitur, am Tag vor der Verteilung der Zeugnisse, teilte mir der Direktor der
Schule mit, dass ich das Abitur wohl bestanden hatte, ich war die beste
Schülerin der Klasse gewesen, dass ich aber als Jüdin, gemäß der neuen Gestze,
nicht an einer deutschen Universität zugelassen würde. Wohl sei mein Vater im
ersten Weltkrieg Soldat gewesen, da er aber nicht gefallen ist, könne ich mich
nicht auf eine Ausnahme berufen. Mein Wunsch Jura zu studieren war also durch
Hitler´s Gesetz unmöglich geworden.
War ein normales Leben überhaupt denkbar? Ein normales Leben war
nicht möglich, da sehr bald durch die Nürnberger Gesetze jeder Kontakt mit
Nichtjuden, jeder Kino-, Theater-, Konzertbesuch verboten war. Das Betreten von
nichtjüdischen Geschäften war für Juden verboten, und die jüdischen Geschäfte
durften bald nicht mehr von Nichtjuden betreten werden. Sie konnten bald nicht
mehr existieren und wurden zu viel zu billigen Preisen verkauft.
Wie wurden Sie von Bekannten, Nachbarn, Fremden behandelt? Gute,
nichtjüdische Freunde meiner Eltern blieben ihnen treu, aber es gab genug gute
Bürger, die lieber dem Juden aus dem Weg gingen.
Ab wann wußte man von den Konzentrationslagern? Wer Hitler´s "Mein
Kampf" gelesen hatte, war schon orientiert über seine Pläne, aber wer glaubte
schon, dass dies möglich sei, im 20sten Jahrhundert, ein Volk von Dichtern!!? Im
Ausland wußte man eventuell mehr, aber der liebe Frieden war wichtiger als das
Leben der Juden. Wer übrigens die Marschlieder der Hitlerjugend und der SS
hörte, u.a. "Wenn´s Judenblut am Messer spritzt, geht´s noch einmal so gut", der
brauchte sich keine Illusionen zu machen.
Haben Sie Verwandte und Freunde in diesem Krieg verloren? Ich habe
viele Verwandte im Krieg verloren. Meine Schwiegereltern und eine Schwester
meines Mannes wurden deportiert und meine Schwiegermutter und Schwägerin wurden
vergast, ebenso wie eine Schwester und ein Bruder mit Familie meines Vaters.
Vettern und Cousinen, Tanten, alle verschwanden in Auschwitz und fanden den Tod
durch Gas (geliefert von IG Farben).
Sind Verwandte /Bekannte/Freunde rechzeitig aus Deutschland
geflohen? Meine Eltern, meine Schwester und einige Verwandte sind
rechtzeitig aus Deutschland geflohen. Da meine Schwiegereltern und eine
Schwester meines Mannes nach der Kristallnacht nach Holland, zu uns, geflüchtet
sind, konnten wir absolut nicht Holland verlassen. Wir konnten auch nicht
versuchen unter zu tauchen. Wir konnten sie nicht im Stich lassen, retten
konnten wir sie aber nicht, sie wurden deportiert und kamen nicht mehr zurück,
verschwanden in den Gaskammern.
Hatten Sie die Möglichkeit Ihre Religion weiter zu praktizieren? Es
war natürlich in den Konzentrationslagern nicht möglich unsere Religion zu
praktizieren, das bißchen Essen war nicht rituell für Juden, aber man musste
alles essen, um zu probieren, das nackte Leben zu retten. Die Synagogen wurden
übrigens in Holland und in anderen besetzten Gebieten nicht, wie in Deutschland,
vernichtet. Heimlich haben wir wohl versucht, an hohen Feiertagen Gebetsdienste
zu halten.
Wie denken Sie heute über diesen Krieg? Würden Sie etwas anders
machen? Der 2. Weltkrieg hat ungeheuer viele Opfer an Menschenleben
gekostet, aber der Rassenwahnsinn Hitler´s kostete das Leben von 6 Millionen
Juden und hat die meisten der Überlebenden für ihr ganzes Leben
gezeichnet. Unter den gleichen Umständen wie 1940-45 würden wir
wahrscheinlich das selbe tun, aber die Umstände sind meistens nicht die
gleichen.
Wieso glauben Sie, war die ganze Nation so begeistert von Hitler und hat
ihm blind vertraut und das alles unterstützt? Nur aus Angst? Eine Nation
wie Deutschland lag nach dem Versailler Vertrag am Abgrund: Enorme
Arbeitslosigkeit, Zukunftsaussichten hoffnungslos, Angst vor dem Kommunismus,
last but not least, der Sündenbock für alles Elend ist da, die Juden. Es war
demnach eine leichte Aufgabe für Hitler, das Volk für sich zu gewinnen, zu
verlieren hatten sie ja nichts mehr. Unterstützt durch die Großindustrie konnte
er eine Parteiprogramm aufstellen, mit Arbeitsplätzen für jeden: die Juden
verlieren ihre Arbeitsplätze, die Arier nehmen sie ein. Unter den Augen der
eingeschlafenen Alliierten führte er einen Aufrüstungsplan aus, der Dank der
finanziellen Hilfe der Großindustrie enorm viele Arbeitsplätze schafft. Die
Kleidungsindustrie verdient an den Uniformen der SS, der Hitlerjugend und BDM.
Bei dem Parteikongress in Nürnberg 1935 legalisiert er durch die Nürnberger
Gesetze die vollständige Entrechtung der Juden. Mit einem Siegesmarsch besetzen
die Nazitruppen Westeuropa. Sofort werden in allen besetzen Ländern die
Judengesetze eingeführt und ab 1942, nach der Wannseekonferenz, beginnen die
Transporte der Juden in Viehwagen nach Auschwitz zur Vernichtung. Die Endlösung
der Judenfrage. Ich glaube, dass mit den Riesenerfolgen Hitler´s die meisten
Deutschen begeistert waren. Sie marschierten mit, wurden, meistens ohne
Hemmungen, Mitglied in der Nationalsozialistischen Juristenvereinigung, der
Ärztekammer, der Studentenvereinigung arischer Studenten, sie schickten mit
kleinen Ausnahmen ihre Kinder zu BDM und Hitlerjugend. In den
Konzentrationslagern schwang die SS mit unglaublichem Sadismus das Szepter. Ob
wohl mancher Oberscharführer auf Urlaub, als guter Familienvater unter dem
Weihnachtsbaum sitzend, an seine Schlachtopfer dachte? Er konnte unter dem
Deckmantel "Befehl ist Befehl" sein Gewissen beruhigen. In den Experimenten-
Baracken von Auschwitz wurden die schrecklichsten Experimente, u.a. an Kindern,
unschuldigen Kindern, ausgeführt. Sollten die Ausführenden und Handlanger von
Dr. Mengele je an ihre eigenen Kinder gedacht haben? Wir haben in Bergen Belsen
in Eiseskälte Stunden, selbst tagelang auf Appell gestanden, mit unseren
Kindern, das rührte die SS nicht. Mit dem Einmarsch in Russland, nach
zunächst großen Erfolgen, begann das Kriegsglück Hitler´s zu kehren. Aber
beinahe bis zum Ende des Krieges gingen unvermindert die Transporte der Juden in
die Gaskammer durch. Ich glaube wohl, dass die Deutschen Angst bekamen, vor der
diktatorischen Herrschaft, vor dem Zwang der Kriegsführung im Osten. Ein
Aufstand von Stauffenberg cum suis in 1944 kam zu spät, wurde grausam bestraft.
Jetzt war es schon besser, wenn man sagen konnte, man hat nichts gewusst, und
das auch nach dem Krieg behauptet.
Sehen Sie eine Gefahr, dass soetwas noch einmal passieren
könnte? Zu jeder Zeit ist eine Diktatur verderblich und sie wird
verstärkt durch den blinden Gehorsam. Jedenfalls könnte wieder ein Diktator
aufstehen und durch passives Verhalten der Umwelt seine Macht
ausbreiten.
Wieso glauben Sie, wurden in erster Linie die Juden verfolgt? Die
Juden waren immer der Sündenbock, die Kirchen haben dabei viel Einfluss gehabt.
Die Juden als Mörder von Jesus, die sich nicht zum Christentum bekehrten, die
lieber auf dem Scheiterhaufen starben als ihre Religion zu verleugnen. Der Staat
Isreal gibt uns allerdings Hoffnung, dass wir nicht mehr wehrlos sind.
Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei der Dame bedanken, die mir
alle Fragen bereitwillig beantwortet hat. Vielen Dank für ihre Mitarbeit, die es
mir ermöglicht hat, unseren Lesern ein so sensibles Thema etwas näher zu
bringen.
Autor: Nadja
Erstellt am: 2000-07-15
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