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AUSGABE: Mai 2001

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Rubrik: STUFF

KURZGESCHICHTE: LEBEN?

und noch einmal ist ein Herr K. auf der Suche, vielleicht auch nach dem Sinn des Lebens. Wer weiß, ob es der bessere Weg war...



Leben?

Herr K. entschloß sich eines Abends nach dem Essen spazieren zu gehen, um endlich wieder einmal nach der langen Zeit des geistigen Gefangenseins seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wohin ihn sein Weg führte interessierte ihn dabei nicht, er wollte einfach nur aus dem Gefängnis seiner Wände und der Stadt entfliehen.
Er war also aus der Wohnung getreten und hatte sich auf die Straße begeben, wo er sich sogleich seinen Weg durch die Menschenmassen bahnte, mit dem Ziel vor Augen, so bald wie möglich einen Ort zu erreichen, wo er endlich allein sein würde, allein mit sich selbst und seinen Gedanken.
Er durchschritt einen Straßenzug um den anderen, überquerte unzählige Straßen, wich der hetzenden Menge aus, und er hatte das Gefühl, sich langsam dem offenen Feld zu nähern. Er beschleunigte seinen Schritt und glaubte bereits den Duft der Freiheit zu riechen. Er schloß die Augen und ließ sich von diesem Duft leiten, und obwohl er mit geschlossenen Augen seinen Weg nur erahnen konnte, war es ihm möglich, sich ohne Hindernisse und Zwischenfälle weiterzubewegen. Er strebte mit einer ungeahnten Kraft nach der Freiheit, und er war sich sicher, daß er sie in Kürze erreicht haben würde.
Als nun auch endlich der Lärm der Stadt abgenommen hatte, und er nur noch den Duft der Blumen und des offenen Feldes wahrnehmen konnte, öffnete er die Augen.
Er stand auf dem städtischen Friedhof und rings um ihn ragten die Grabsteine empor. Als er seinen Blick umher gleiten ließ, begann er zu glauben, daß er sich auf einen Irrweg begeben hatte. Doch er senkte die Augen und erkannte, daß er vor einem frisch ausgehobenen Grabloch stand, daß ihn mit einer magischen Kraft anzog. Über dem Grab stand bereits ein Grabstein, auf dem er in goldenen Lettern seinen Namen lesen konnte.
Ohne über den Grund seiner Reise nachzudenken ging er furchtlos auf das Grab zu. Er stieg die lehmigen Wände hinab und legte sich auf den kalten und doch vertrauten Boden. Nachdem er für sein Gefühl in der richtigen Position lag, begann der am Rand, des Grabes, aufgehäufte Sandhügel in das Grab hinab zu rieseln und ihn zu begraben.
Er hatte dabei weder Schmerzen noch überkam ihn das geringste Gefühl von Unbehagen oder Angst. Er verweilte in der ursprünglichen Position und seine Gedanken fingen an in immer kleineren Kreisen zu ihrem Ursprung zurückzukehren. Mit jedem Sandkorn, daß in sein Grab rieselte wurden seine Gedanken klarer und er begann zunehmend sein Leben zu verstehen.
Bald war das Grab vollständig gefüllt und sein Körper begann sein Leben aufzugeben. So war der Verstand schließlich das einzige, was er in seiner letzten Sekunde wahrnehmen konnte.
In dieser letzten Sekunde seines Lebens formulierte er folgende Worte, bevor er endlich erlosch:
“Das Leben ist der Tod, der Tod ist das Leben. Warum hast Du das nicht schon früher erkannt, Du Narr!“

Wie es für die Gräber von Verstorbenen ohne Angehörige üblich war, wurde der von der Stadt beauftragte Gärtner mit der Pflege von Herr K.´s Grab betraut. Als er das erste Mal an dessen Grab herantrat und die Inschrift laß, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken, und er versuchte fortan immer besonders schnell die Pflege dieses Grabes beenden zu können.
Sie lautet: “ICH LEBE“

Autor: Alex
Erstellt am: 2001-04-24



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