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!MARCS young electronic magazine AUSGABE: Juli 2001 URL: http://marcs-online.de/scripts-l1/fokus.phtml?ausgabe=2001-07-01&id=383 Rubrik: STUFF KURZGESCHICHTE: DU SAHST SO TRAURIG AUS (Wdh)Seit langem bin ich mal wieder in Berlin. Es ist ein weiter Weg von Speyer aus in die Hauptstadt. Ich bin mit meiner Fotokamera unterwegs und fotografiere interessante und kurriose Winkel der Grossstadt. Die Stadt fasziniert mich ebenso, wie ich sie verabscheue. Eine Hassliebe sozusagen. Jedoch dass sowas passiert, hätte ich niemals gedacht...
Berlin, Bahnhof Zoologischer GartenSeit langem bin ich mal wieder in Berlin. Es ist ein weiter Weg von Speyer aus in die Hauptstadt. Ich bin mit meiner Fotokamera unterwegs und fotografiere interessante und kurriose Winkel der Grossstadt. Die Stadt fasziniert mich ebenso, wie ich sie verabscheue... Eine Hassliebe sozusagen. Ich bin schon lange auf Achse und am Bahnhof "zoologischer Garten" packt mich der Hunger. Ich gehe in einen dieser Fastfoodschuppen mit dem goldenen "M". Ich "liebe" Fastfood: er ist schnell und praktisch. Der Bahnhof ist ja bekannter Weise sehr berüchtigt für Prostitution, Drogenhandel und und und. Das weiss jeder! Wenn man nur so vorbeihastet als Reisender, bekommt man davon zwar fast nichts mit; am Tage sowieso nicht, denn die "deutsche Gründlichkeit" vertuscht all diese Dinge. Jedoch wenn man sich etwas Zeit nimmt, fällt das ein oder andere schon ins Auge. Damit habe ich gerechnet, jedoch, dass es so kommt, das hätte ich nicht gedacht, obwohl ich seitens meiner Erfahrungen mit Streetwork schon einiges gewohnt bin... Als ich so etwas abseits vom Trubel dasitze und meine letzten Pommes verspeise, sinke ich in Gedanken und falle in Erinnerungen. Irgendwie denke ich an Chopin: einer meiner besten Freunde spielt etwas auf dem Klavier... Wunderschön! Tagtraum! Plötzlich stehen zwei junge Menschen vor mir, Sven und Niels (Namen geändert), wie sich später herausstellt. Sie fragen nach einer Zigarette. Ich blicke die Jungs wohl ziemlich verstört an, herausgerissen aus meinem gedanklichen "Nocturne Es-Dur, op. 9 Nr. 2". Die müssen gedacht haben, ich sei verrückt, als ich geantwortet habe "He? Warum spielst du nicht weiter, Christoph???" Zurück in der realen Welt korrigierte ich meine Antwort sofort und erwiderte, dass ich leider keine Zigarette habe, da ich nicht rauche. Niels wollte wieder abhauen, Sven hält ihn aber zurück und fragt mich besorgt, ob alles OK sei mit mir. Ich erklärte, dass ich gerade in Gedanken versunken "Chopin gehört habe". Mich verwundert es selbst, dass ich ausgerechnet in Berlin auf Chopin gekommen bin. "Chopin?" Die beiden Jungs kommen mir etwas seltsam vor. Sie sind so um die 18. Niels ist ziemlich stylig unterwegs, Sven hingegen eher etwas unauffällig, bis auf seine blonden Strähnen im Haar. Ich bemerke, dass er etwas am zittern ist. Ich frage ihn, was er habe, worauf er sich zu mir setzt und erklärt, dass ihm nur etwas kalt ist. Es ist jedoch ein warmer Tag und Sven ist nicht gerade luftig angezogen. Niels zieht es fort und er fragt Sven, ob er nicht mit zum "Serad" oder so ähnlich kommen wolle, was er verneint. Niels zieht davon. Ich schaue Sven verdutzt an, denn ich hätte nicht gedacht, dass er einfach neben mir sitzen bleiben würde, wobei Niels Richtung Bahnhof an eine Litfasssäule zu einer Gruppe Menschen läuft. Ich fange das Gespräch erneut an und mir rutscht etwas raus, was ich eigentlich nicht so direkt sagen wollte: "Du lebst auf der Strasse, nicht wahr?". Sven sah mich mit zwei fragenden Augen an und antwortete nach langem Zögern "Ja, aber..." "Sei unbesorgt", beruhige ich ihn übereilt und erkläre, dass ich bereits öfter mit Strassenkindern zu tun hatte und sogar gute Freunde unter ihnen habe. Jetzt ist er noch mehr verwirrt, als vorher. Ich fange an, etwas über mich zu erzählen, wer ich bin, woher ich komme und so weiter. Ich habe einen aufmerksamen Zuhörer, der viele Fragen stellt, nur als ich fertig bin, ist er wieder ganz ruhig. Ich merke, dass mein Gesprächspartner nicht nur hungrig auf meine Worte, sondern auch auf etwas zu essen ist, worauf wir nochmals zu dem goldenen "M" gehen. Nach dieser kleinen Stärkung hat Sven endlich Vertrauen gefasst und erzählt, dass er aus einem Heim abgehauen ist, weil er es dotr nicht mehr ausgehalten hatte. Seit der Scheidung seiner Eltern lief nichts mehr und der neue Macker seiner Alten hasse ihn, so Sven. Sein Vater sowieso. Er hat ihn immer im Suff geschlagen. Vor sechs Jahren ist er dann ins Heim gekommen, zwei Jahre später endgültig abgehauen, weil ihn dort auch keiner mehr haben wollte. Die Betreuer haben ihn gehasst, alle gegen ihn aufgehetzt. "Die dumme xxxx vom Jugendamt hat mich immer alleine gelassen. Es war ihr egal, was ich mache, ob ich auf der Strasse bin und so, überhaupt ist denen alles egal..." Jetzt lebt Sven auf der Strasse und ist alleine. Stress mit den Bullen hat er auch. Keiner will ihn haben. Nicht einmal er selbst... Sven reibt sich die Augen, starrt fast nur auf den Boden, während er mir Geschichte für Geschichte an den Kopf wirft. Er hört garnicht mehr auf. Alles ist durcheinander. Sven springt von Thema zu Thema, wie beim Fernsehabend, wenn jemand von Programm zu Programm zappt. Nur, dass das Programm heute nicht sehr heiter ist... Scheinbar hat Sven schon lange nicht mehr mit jemanden über seine Probleme gesprochen, der ihm auch richtig zugehört hat. Ich höre zu und die Zeit fliegt dahin. Es wird nun wirklich etwas kühl... Ich begreife jetzt endlich, was Niels vorhin gemeint hat, als er sagte, er müsse für heute noch etwas klar machen. Sein Outfit und Auftreten hätte es mir eigentlich sagen müssen. Ich frage Sven, ob er und Niels auf den Strich geht, um Geld zu verdienen. Nun schaut er plötzlich zu mir auf, trennt seinen Blick von dem schmutzigen Asphalt. Zwei erschrockene Augen starren mich an. Mich zerreisst beinah sein stechender Blick, jedoch sehe ich Sven tapfer ins Gesicht. Plötzlich bricht er in Tränen aus und fällt mir um den Hals. Zuerst extrem unsicher, dann fester. Er zittert am ganzen Leib, was ich nun körperlich spüren kann. Ich nehme ihn auch in den Arm und halte ihn ganz fest. Die Leute schauen uns ziemlich komisch an, aber ich registriere sie nicht wirklich, das ist jetzt ganz unwichtig. Da kommt Niels zurück und spasst "Oh, Sven, hast du jemanden gefunden", worauf er schluchstend und ohne sich aus meinen Armen zu befreien antwortet, dass Niels gehen solle. Ich bitte Niels, in 20 Minuten zurückzukommen, was er ohne zu mucken befolgt. Diese Situation ist mir völlig fremd und ich weiss nicht, warum ich so gehandelt habe. Der Junge hat wieder etwas Kraft gefasst, als wir uns wieder nebeneinander setzen und die Unterhaltung fortführen. Diesmal mit Blickkontakt. Sven fragt, ob ich ein Engel sei. Er hat schon lange niemanden mehr so richtig und erlich in den Arm genommen. Schon garnicht habe er geflennt. Sven erzählt mir, dass er auf den Strich gehe. "Nie darf mich jemand anfassen! Niemals!!!" bekräftigt er. "Nur ansehen und sich dabei einen runterholen!" Er kämpft mit den Tränen. Ich weiss genau, dass er sich das nur wünscht, was er da spricht. "Eigentlich ist Abziehen eine einfache Sache und es gibt viel Geld", fährt er fort. "Cool ist es auch, man trifft da die kaputtesten Typen..." Ich frage ihn, ob er keine Angst hat, dass etwas passiert. Er ist alleine, es gibt Aids, Vergewaltigungen und andere Gefahren. Sven meint, er habe alles unter Kontrolle. Doch dann kommt wieder ein Schluchsen durch und er fällt mir wieder in die Arme. Nach einiger Zeit offenbart er mir, dass er schwul sei. Er reisst sich dann plötzlich aus meinen Armen und rennt davon. Ich stehe da, wie perplex; rufe ihm noch nach, er solle zurückkommen, doch fort ist er. Niels kommt zurück. Ich wollte gerade gehen, verarbeitete gerade mein krasses Erlebnis von eben. Er fragt, wo Sven ist und ich erkläre ihm, was passiert war. Niels sagt, er sei gleich wieder da. Ich solle warten. Er verschwindet ebenfalls... Nach einiger Zeit kommt Niels wieder zurück, hinter ihm trottete Sven hinterher, den Kopf fast auf der Erde... Niels zieht Sven zu sich und plaziert ihn wieder neben mich. "Erzähle Spilo, was gestern passiert ist", sagt er. Niels ist wie verändert. Vorhin ganz cool, nun besorgt und mir gegenüber offen. Sven sagt keinen Ton. "Sag Spilo, dass du gestern...". "Ich sags selbst", piept Sven ihm ins Wort. Er klingt so, als hätte man ihm bei etwas schlimmen erwischt. Er schämt sich. "Ok, ich lass euch alleine", antwortet Niels und verschwindet erneut. Sven offenbart mir, dass er gestern geschlagen worden ist und zeigt mir seinen Rücken. Der sieht exterm schlimm aus. Mir wird klar, dass Sven ärztliche Hilfe braucht. Ein kalter Schauer überfällt mich. Der Junge ist auf das Übelste vergewaltigt und missbraucht worden. Mir wird fast übel. Diese Schweine!!! Blanker Haß kommt in mir auf. Was sind das für Tiere! Perverse Arschlöcher! (Sorry, liebe Leser!) Sven fragt mich, ob er mir immernoch etwas bedeute. Er sei doch der letzte Dreck, schwul, ohne zuhause,... Steif sitzt er da und starrt mich an. Ich blicke fragend zurück, begreife die Fragen nicht. Ich muss erst die Dinge sortieren. Als ich endlich raffe, was los ist, versuche ich ihm zu erklären, dass er ein Mensch mit einer Seele sei und das dies Grund genug ist, jemanden zu lieben. Ich finde keine Worte, zumindest keine passenden. Stottere nur rum. Sven beruhigt und entspannt sich gottlob wieder etwas. Ich muss ziemlich mit mir kämpfen, um überhaupt noch etwas sagen zu können. Ich bin total ratlos! Eine Ohnmacht überfällt mich. Solche Situationen sind mir total fremd, ich sehe immer einen Weg, - normaler Weise. Diesmal nicht! Endlich schaffe ich es, Sven wieder zu umarmen. Wir sitzen da, wie zwei Denkmäler aus Bronze. Bewegungslos, leblos, gelähmt. Irgendwann kehren meine Sinne zurück: Ich kenne in Berlin einige Leute, die sich um Strassenkinder kümmern. Sven kennt zwar die verschiedenen Organisationen auch, jedoch hatt er nie so den direkten Draht zu den Streetworkern finden können. Als Niels wieder zurück kommt, beschliessen wir, einen dieser Streetworker aufzusuchen... Heute, einige Zeit später geht es Sven wieder besser. Er hat wieder etwas Lebensmut gefunden. Die Wunden am Rücken sind grossteils verheilt, so sagt er. Die Wunden an der Seele beginnen wohl erst, sich allmählich zu schliessen. Niels und die Organisation helfen dabei. Auf den Strich geht nun nur noch Niels... Als ich Sven vor kurzem am Telefon hatte, fragte ich ihn, warum er mich damals angesprochen und gefragt hatte, ob alles OK mit mir sei, da antwortete er: "Du sahst so traurig aus..." spilo. Autor: spilo Erstellt am: 2001-07-04
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