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KURZGESCHICHTE: VON DENEN, DIE AUSZOGEN... |
valik: 2000-12-01 |
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Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie bleiben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer "Ausländer raus" und "Deutschland den Deutschen"...
"Es war einmal...", so beginnt das Märchen "von denen, die auszogen, weil sie das
Fürchten gelernt hatten".
Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie bleiben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer "Ausländer raus" und "Deutschland den Deutschen".
Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe...
Die Gardinen an den Bürgerhäusern waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen.
"Los, kommt, es reicht, wir gehen". — "Wo denkst du hin! Was sollen wir denn da unten
im Süden?" - "Da unten? – Das ist immerhin unsere Heimat. Hier wird es immer schlimmer. Wir tun, was da an der Wand steht: "Ausländer raus!"
Tatsächlich, mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine
Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf: Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihren Weihnachtsverkleidungen. Sie wollten nach Ghana
und Westafrika, denn da waren sie zu Hause. Dann der Kaffee, palettenweise, der
Deutschen Lieblingsgetränk, Uganda, Kenia und Lateinamerika waren seine Heimat. Ananas und Bananen räumen ihre Kisten, auch die Trauben und Erdbeeren aus Südafrika. Fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf, Pfeffernüsse und Zimtsterne. Die Gewürze in ihrem Inneren zog es nach Indien. Der Dresdner Christstollen
zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinennaugen, als er zugab: Mischlingen, wie
mir, geht’s besonders an den Kragen. Mit ihm kamen das Lübecker Marzipan und der
Nürnberger Lebkuchen. Nicht Qualität, nur Herkunft zählte jetzt. Es war schon in
der Morgendämmerung, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die
Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen in teuren kleinen Chartermaschinen in alle Welt
starten.
Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen. Lange Schlangen japanischer Autos,
vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik krochen gen Osten. Am Himmel sah
man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von den feinen
Seidenhemden und den Teppichen des fernen Asien. Mit Krachen lösten sich die
tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken. Man
musste sich vorsehen, um nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Öl und
Benzin hervor, floss aus Rinnsalen zu Bächen zusammen in Richtung Naher Osten.
Aber man hatte ja Vorsorge getroffen. Stolz holten die großen deutschen Autofirmen
ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der Holzvergaser war ganz neu aufgelegt
worden. Wozu ausländisches Öl?
Aber die VWs und BMWs begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, des Kupfer nach Somalia, ein
drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Zaire. Und die
Straßendecke hatte mit den ausländischen Asphalt im Verbund auch immer ein besseres
Bild abgegeben als heute...
Nach drei Tage war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft. Gerade rechtzeitig zum
Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land.
Aber Tannenbäume gab es
noch, Äpfel und Nüsse.
Und "Stille Nacht" durfte gesungen werden- zwar nur mit Extragenehmigung, das
Lied kam immerhin aus Österreich.
Nur eins wollte nicht ins Bild passen. Maria, Josef und das Kind waren geblieben.
Drei Juden. Ausgerechnet. "Wir bleiben" sagte Maria, "wenn wir aus dem Land gehen-
wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen, zurück zur Vernunft Menschlichkeit?"
(Quelle: Helmut Wöllenstein, Zuspruch am Morgen am 20.12.1991 im Hessischen Rundfunk)
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