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KURZGESCHICHTE: DIE ZARTE DAME AUF DEM PLAKAT (WDH) alex: 2001-07-04

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Ach, könntest Du mich nur hören. Ach, könnte ich Dir nur erzählen, was ich erlebte...


Die zarte Dame auf dem Plakat

Ach, könntest Du mich nur hören. Ach, könnte ich Dir nur erzählen, was ich erlebte. Könnte ich Dir von meiner Gefangenschaft Bericht erstatten, könnte ich ausbrechen.
Seit dem Tag an dem mein Schöpfer meiner Farbe das Leben einhauchte, indem er seinen letzten Pinselstrich tat, bin ich in diesem Rahmen gefangen.
Zu Beginn war es spaßig wenn die Leute mich bestaunten, unsicher betrachteten mit der Likörflasche in meiner Hand, die anzupreisen ich verdammt bin. Zu Beginn, ja zu Beginn war ich naiv genug, zu glauben, die Leute betrachteten mich meiner Willen. Wie dumm ich doch war. Jedoch ich hatte genug Zeit, um zu erkennen, dass ich nur eine Randfigur bin. Ich war nur so schön, um dem Mittel der Verführung zu dienen. Ja ein Mittel, ein Mittel zum Zweck bin ich, austauschbar gegen meine Abzüge.
Aber ihr habt vergessen, dass ich lebe, dass ich fühle. Ihr habt mich an die Hauswand geheftet, Hauswände, an die ich gezwungen war meinen Blick zu richten. Ich durfte meine Augen nicht bewegen, war zu einer steifen Haltung verdammt und musste immerzu die Likörflasche anpreisen.
Jedoch ich wurde stumpf. Ich fing an die Menschen zu ignorieren, wie auch sie mich mit der Zeit mehr und mehr ignorierten.
Man hat vergessen mich von der Wand zu nehmen und mit den anderen in den Ofen zu werfen. Hättet ihr es doch nur getan. Ich wäre erlöst von meinem Schattendasein.
Doch ich will nicht mehr klagen. Meine Farbe verblasst, mein Antlitz schwindet dahin, meine Grundlage, das Papier löst seine Bindung mit mir.
Ich bin mir bewusst, dass ich nun bald endgültig meinen Dienst erfüllt habe. Meine aufgezwungene Starrheit und Gefangenschaft wird mit dem nächsten Sommernachtsregen beendet sein. Ich werde mich den Fluten hingeben, werde mit ihnen verlaufen, zuerst vom Papier, dann in die Regenrinne. Es wird zwar mein Tod sein, doch für mich die Erlösung. So nehme ich nun Abschied von dieser Welt und den Menschen, die mich ohnehin schon lange nicht mehr beachten.
Lebt wohl – auch ihr anderen Bilder der Gefangenschaft.


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